Suche

Suffizienz: Wie viel ist genug?

Wir leben auf einem endlichen Planeten – dennoch soll die Wirtschaft immer weiterwachsen.

Lila Erdkugel-Ballon mit Menschen und Schriftzug 'Jetzt reicht's!'

Dieser Text bezieht sich unter anderem auf die Broschüre „Jetzt reicht’s!“ der BUNDjugend. Du kannst sie dir auch kostenlos downloaden und so noch mehr über das Thema lernen.

Es wird uns jeden Tag, vor allem in den Sozialen Medien, vorgelebt: wir brauchen die Klamotten, die gerade im Trend sind, wir müssen dort Urlaub machen, wo es alle anderen hinzieht, wir müssen größer, weiter, schneller werden, wir müssen herausstechen und wir müssen vor allem mehr. Das klingt ganz schön stressig. Warum tun wir das dann?

Dass das für die Welt genauso schädlich ist wie für uns selbst, ist wohl offensichtlich und wird bereits am Beispiel der Kleidungsindustrie deutlich: Zwei Drittel der global verarbeiteten Textilfasern werden synthetisch aus Erdöl produziert, vermüllen das Meer, verursachen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und belasten Tiere und Ökosysteme. Mehr als 120 Millionen Tonnen Textilabfälle entstehen jährlich und über die gleiche Zeit verursacht Fast-Fashion mehr als eine Milliarde Tonnen CO₂. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es einfach nicht mehr weiter geht. Doch dann ist es schon viel zu spät.

Suffizienz ist die Antwort darauf. Im Lateinischen bedeutet „sufficere“ so viel wie „ausreichen“ oder „genug sein“. Und genau darum geht es.

Suffizienz bedeutet eine neue Bewertung dessen, was für uns als Gesellschaft erstrebenswert ist. Das Scheingefühl, selbst immer mehr zu brauchen und mehr konsumieren zu müssen, soll in der Gesellschaft umgewandelt werden in die Fürsorge für sich, andere und die Umwelt. Kurz gesagt strebt Suffizienz den geringeren Verbrauch von Ressourcen an, weniger unnötigen Konsum, um nur mit den Gütern ein gutes Leben zu führen, die wir dafür auch wirklich benötigen.

Aber – Was ist denn ein gutes Leben?

Lebensqualität besteht vor allem dann, wenn die eigenen, grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung, Schlaf, Zuneigung, soziale Zugehörigkeit, Wertschätzung und Sicherheit gedeckt sind. Wenn maßgebliche Rechte gelten und in einer intakten Natur gelebt werden, wenn man an gesellschaftlichen Entscheidungen, die einen selbst betreffen, auch teilhaben kann. Wichtig ist, dass alle Menschen auf dieser Welt ein gutes Leben führen. Das bedeutet Frieden, keine Ausbeutung, Solidarität und einen achtsamen Umgang mit der Natur.

Denn so, wie wir gerade leben, profitieren nur Einzelne vom kapitalistischen Wirtschaftssystem. 2026 verdiente der reichste Mann der Welt in vier Sekunden so viel wie ein Mensch im weltweiten Durchschnitt in einem Jahr. Und das während Menschen wegen des Systems und der Ausbeutung der Industrienationen unmenschlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Die Staaten, in denen sie Leben, sind im Vergleich zu anderen Ländern im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Kontext benachteiligt.

Alleine dadurch, dass wir in Deutschland wohnen und Teil dieser Prinzipien sind, unterstützen wir durch unseren Lebensstil diese riesigen Schäden. Der ökologische Fußabdruck pro Kopf lag in Deutschland im Jahr 2019 bei 4,7 globale Hektar. Das bedeutet, die von einer Person in Deutschland konsumierten Ressourcen verbrauchten bei ihrer Herstellung und Entsorgung ein solches Gebiet an biologisch produktiver Land- und Wasserfläche. Dabei besitzt die Erde nur Kapazitäten für 1,55 globale Hektar pro Person. Im Vergleich lag der ökologische Fußabdruck in Ruanda, Haiti, Jemen und Burundi nur bei 0,6 globalen Hektar.

Den eigenen ökologischen Fußabdruck zu kennen ist sinnvoll. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass der Wandel des gesellschaftlichen Lebens nicht durch einzelne Individuen getragen werden kann und vor allem Konzerne, die schädlich für die Umwelt sind, Veränderungen durchmachen müssen. Daher wird der ökologische Fußabdruck von solchen Betrieben gerne verwendet, um die vorliegenden Problematiken und ihre Verantwortung auf die einzelnen Personen zu schieben.

Positiver wäre es daher, sich mit dem ökologischen Handabdruck auseinanderzusetzen. Dieser zeigt dir, wieviel Gutes du bereits tust, bestärkt dich in deinem Handeln und zeigt dir einen individuellen Plan mit dem du noch mehr erreichen kannst.  

Trotzdem ist es oft nicht einfach, ressourcenschonend durchs Leben zu gehen, selbst, wenn man dies will. Eine solche Verhaltensweise kostet oft mehr Geld oder mehr Zeit, es scheint fast sinnlos, wenn du dennoch so viele Menschen siehst, die immer weiter konsumieren. Daher ist die Politik gefragt. Ihr Ziel soll nicht sein, die Wirtschaft immer weiter anzukurbeln und den materiellen Wohlstand hervorzuheben. Ihr Ziel sollte ein gutes, nachhaltiges Leben für alle sein. Weg von der Fokussierung auf die individuellen Wünsche weniger Menschen, hin zu einer Befriedigung der Bedürfnisse aller. Das bedeutet eine grundlegende Änderung des derzeitigen Wirtschaftssystems.

Öffentlicher Personennahverkehr muss günstiger und praktischer sein als das Autofahren. Die Stadtplanung muss fahrradfreundlich aufgebaut sein. Die Unterstützung von Einrichtungen, die Gegenstände verleihen oder reparieren, muss vorhanden sein. Second-Hand-Läden, Orte des Beisammenseins, Bioläden, bei denen nicht auf den Preis geachtet werden muss.

Ist Suffizienz gleich Bevormundung?

„Ich will aber nicht darauf verzichten müssen und mir vorschreiben lassen, wie ich zur Arbeit komme oder was ich in der Mittagspause esse! Man darf heutzutage wirklich gar nichts mehr!“ Suffizienz scheint ohne Verzicht nicht auszukommen. Aber wenn es durch eine Veränderung doch Alternativen gibt, die noch viel besser sind, ist das dann überhaupt noch Verzicht? Bist du wirklich in deiner Freiheit eingeschränkt, wenn du durch die Bahn viel bequemer und schneller zu deinem Arbeitsplatz oder zur Schule kommst?

Wenn wir so weitermachen wie jetzt, dann ist vor allem die Freiheit derjenigen eingeschränkt, die unter all dem Konsum leiden. Menschen in den Ländern des Globalen Südens, die unter unmenschlichen Bedingungen für diese Produkte aufkommen müssen, für die ein gutes Leben so weit entfernt ist. Die Generationen nach uns, die sich auf einem zerstörten Planeten zurechtfinden müssen. Die Tiere, die in der Massenhaltung leben und sterben.

Was kannst du also tun?

Achte auf deinen Konsum und verbreite die Relevanz dieses Themas in deinem Umfeld. Engagiere dich politisch, geh auf Demos oder unterzeichne Petitionen für eine gute Suffizienzpolitik. Aber sei nicht zu streng mit dir – noch leben wir in einer Welt, in der das Wirtschaftssystem so ist wie es ist. Wenn dir das Geld fehlt, hochwertige Produkte zu kaufen oder die Zeit nicht reicht, Altes zu reparieren, dann ist das auch in Ordnung. Wenn du bewusst konsumierst und so, dass du nicht mehr konsumierst als du wirklich brauchst, dann bist du eine Unterstützung.

Wenn du aktiv etwas tun möchtest, dann schau doch einfach mal bei uns vorbei, lerne neue Menschen kennen und hab‘ beim Schutz der Umwelt noch eine Menge Spaß!